„Im Januar 2021 hat der Magistrat beschlossen, dass Frankfurt eine Zertifizierung als Zero Waste City erreichen will. Möglichst noch in diesem Jahr soll der Maßnahmenbericht in die Stadtverordneten-versammlung eingebracht werden.“
Michael Eickenboom, Sachgebietsleiter Abfallwirtschaft im Frankfurter Umweltamt
Die Autor*in
Marlene Haas
Marlene Haas
Als Geschäftsführerin des gemeinnützigen Unternehmens "Lust auf besser leben" und Nachhaltigkeitkeitsaktivistin schlägt Marlenes Herz für alle Themen rund um Zero Waste, Klimaschutz und Circular Economy. Die Frankfurterin tüftelt am liebsten an neuen Ideen, die andere für nicht machbar halten, oder schreibt für RECYCLIST. Ansonsten cruist sie mit ihrem Sohn im Gepäck auf dem Cargobike durch die Region oder bemüht sich um einen grünen Daumen an ihren Hopfenpflanzen.

Realität oder Utopie: „Zero Waste“ in Frankfurt am Main

Ein Stadt, in der Abfall als wertvolle Ressource gehandhabt wird, in der Unverpackt-Läden zum Standard werden und in der die Parks frei von Müll sind ... ist eine Utopie? Wir haben mit einer Ortsbeirätin und der Stadtverwaltung gesprochen und skizzieren einen Weg in Richtung „Zero Waste City“.

„Der öffentliche Raum ist abfallfrei und lädt zum Verweilen ein. Wir finden keine Einwegverpackungen mehr in den Grünanlagen oder auf Spielplätzen. Restaurants, Cafés und Lieferservices bieten ausschließlich Mehrwegsysteme. Die Straße hat an Aufenthaltsqualität gewonnen. Einwegverpackungen gehören der Vergangenheit an. Das gilt auch für Kitas, Schulen und Unternehmenskantinen im Stadtteil – und für öffentliche Einrichtungen sowieso.

Mehrwegsysteme werden selbstverständlich genutzt; das spart den Läden Verpackungs- und Entsorgungsgebühren. Geschäftsmodelle, die dazu beitragen, Ressourcen zu vermeiden und eine Kreislaufwirtschaft weiterzuentwickeln, wie Unverpacktläden, Reparaturdienstleistungen, Second-Hand-Angebote, werden öffentlich gefördert und erfahren durch die jährliche Verleihung des ‚Zero-Waste‘-Preises besondere öffentliche Aufmerksamkeit.

Ressourcenvermeidung zahlt sich aus: Alle Haushalte haben barrierefreien Zugang zu einer haushaltsnahen Getrenntsammlung. Dadurch landen weniger Ressourcen im Restmüll und die Familie zahlt weniger Abfallgebühren. Kinder werden in der Kita und in den Schulen mit dem Thema Kreislaufwirtschaft und Ressourcenschonung vertraut gemacht. Die Themen stehen auf dem Lehrplan und auf den Schulhöfen ist Getrenntsammlung ganz selbstverständlich möglich.

Jede*r neue Bürger*in in Frankfurt erhält bei der Einbürgerung außerdem ein ‚Zero-Waste‘-Starter-Kit, das unter anderem einen #MainBecher, eine Infobroschüre zum Ressourcenmanagement in Frankfurt und ein Gutscheinheft für Kreislaufwirtschafts-Betriebe enthält.“

Zero Waste in Frankfurt am Main – eine unerreichbare Utopie?

Es klingt fast zu gut, um wahr zu sein. Und doch könnte diese Utopie bald Realität werden. Sie muss es sogar, wenn Frankfurt seine Ziele als „Zero Waste City“ erreichen möchte. Denn die Mainmetropole hat sich der ambitionierten Agenda verpflichtet, gemeinsam mit anderen europäischen Städten als Netzwerk der „Zero Waste Cities“ Abfall zu vermeiden und anfallende Abfälle wiederzuverwenden oder zu recyceln.

Katrin Haus ist 38 Jahre alt und aktiv im Ortsbeirat 2 (Bockenheim, Kuhwald, Westend) in Frankfurt am Main. Sie setzt sich als Praktikerin auf Stadtteilebene dafür ein, dass solche Utopien, wie sie sie eingangs formuliert hat, keine Luftblasen bleiben. Sie sollen vor Ort umsetzbar werden. Uns erzählt sie davon, wie ihre Stadt 2030 aussehen wird und was nötig ist, um dorthin zu kommen.

Wie bei jeder guten Agenda braucht es für die Umsetzung Praktiker*innen sowie Verwaltung und Politik.

Das weiß auch Michael Eickenboom. Er leitet das Sachgebiet Abfallwirtschaft im Frankfurter Umweltamt, das die kommunale Abfallsammlung beauftragt und für die grundlegenden Konzepte der Abfallwirtschaft zuständig ist.

Wenn also jemand skizzieren kann, wie der Weg hin zur „Zero Waste City“ aussehen soll und was das für Bürger*innen und die lokale Wirtschaft bedeutet, dann er.

„Insbesondere die Debatte um den Klimawandel hat uns bewusst gemacht, dass auch in unserer heutigen hochkomplexen Abfallwirtschaft noch große Mengen an Ressourcen verschwendet werden. Der Weg zur Zero Waste City ist daher der folgerichtige nächste Schritt. Das Ziel dabei ist es, Abfälle nach Möglichkeit zu vermeiden und Dinge, die entsorgt werden, möglichst wiederzuverwenden oder zu recyceln, so dass Rohstoffe weitgehend im Kreislauf geführt werden können“, erklärt er uns.

Während Katrin Haus die Vision eines „Null-Abfall-Ortsbezirks“ anstrebt und aus der Bevölkerung heraus Impulse für eine Zero Waste City Frankfurt geben möchte, werden im Umweltamt die stadtweiten Pläne geschmiedet.

„Im Januar 2021 hat der Magistrat beschlossen, dass Frankfurt eine Zertifizierung als Zero Waste City bei ‚Zero Waste Cities Europe‘ erreichen will. Möglichst noch in diesem Jahr soll der Maßnahmenbericht ‚Auf dem Weg zur Zero Waste City‘ in die Stadtverordnetenversammlung eingebracht werden“, führt Eickenboom aus.

Zero Waste lohnt sich finanziell

Bereits jetzt wird in diesem Zuge gemeinsam mit dem Umweltministerium eine Stelle gefördert, die ein hessenweites Netzwerk von Initiativen zur Abfallvermeidung aufbauen soll. Denn das „Müllproblem“ lösen wir nicht innerhalb von Stadtgrenzen. Deshalb vernetzt das „ReUse-Netzwerk Hessen“ Initiativen im Land. Während das Netzwerk eher auf Organisationen abzielt, braucht ein Bewusstseinswandel in der Zivilgesellschaft jedoch andere Angebote.

Ob Gebrauchtwaren-Kaufhäuser, lokale Tauschbörsen, Verleihstationen für bestimmte Geräte oder mehr Repair-Cafés oder digitale Beratungsangebote mit Hilfestellungen zum Umgang mit Abfall: Das sind die Stellschrauben, die in den kommenden Jahren für eine gelingende Umsetzung vor Ort sorgen werden. Bestandteil des Zero-Waste Konzepts in Frankfurt ist zudem ein Berater*innen-Gremium aus Menschen, die in Frankfurt im Bereich Abfallvermeidung und Nachhaltigkeit engagiert sind.

Eickenboom ergänzt: „Als besondere Herausforderung sehe ich die Aufgabe, den Gedanken der Abfallvermeidung stärker in die Bevölkerung zu tragen. Wegwerfartikel kaufen und nach Benutzung einfach in die Tonne werfen ist leider sehr bequem. Zudem haben wir noch immer viel zu viele Wertstoffe in der Restmülltonne, die dadurch nicht recycelt werden können, sondern verbrannt werden, bis zu 75 %!“ Hier hilft Sensibilisierung.

Was zudem Vielen nicht bewusst ist, jedoch als Anreiz dienen könnte: „Da immer weniger Abfälle teuer verbrannt werden müssen, können die Abfallgebühren seit Jahren auf einem stabilen Niveau gehalten oder sogar gesenkt werden.“

Warum es trotzdem nicht einfach wird und wir Europa brauchen

Zurück in den Kiez. Dort sieht Katrin Haus vor allem in der Kreislaufwirtschaft einen wichtigen Hebel. „Nachhaltiges Wirtschaften braucht ein Umdenken. Wir müssen Abfälle als Ressource begreifen und auch als solche behandeln. Es ist heute oftmals günstiger, Dinge zu entsorgen, als diese wiederzuverwenden oder gar reparieren zu lassen. Dabei verschwenden wir wertvolle Ressourcen und schaden gleichzeitig unserer Umwelt und auch unserer Gesundheit – denn Kunststoffe sind über die Umwelt schon längst in unserer Nahrungskette angekommen. Kreislaufwirtschaft zu etablieren, heißt nicht nur, Dinge länger zu verwenden und Abfälle zu vermeiden. Es bedeutet auch im weiteren Sinne weniger Abfälle auf der Straße und einen sauberen Ortsbezirk mit zahlreichen Anlaufstellen für die Bevölkerung, um Recycling und Upcycling zu betreiben“, erzählt sie.

Gleichzeitig sind das keine neuen Erkenntnisse, weshalb wir uns alle die Frage gefallen lassen müssen, warum wir nicht bereits mehr Zero Waste Cities in Europa haben.

Für Katrin Haus ist klar, dass das Thema von der Bundes- und Kommunalpolitik in den letzten Jahren eher stiefmütterlich behandelt wurde. Wichtige Impulse für eine nachhaltige Ressourcenpolitik kamen in den letzten Jahren nicht aus Deutschland, sondern aus Brüssel, erklärt sie. Dort wurde die EU-Abfallhierarchie als wichtige politische Guideline festgelegt und mit den Kreislaufwirtschaftspaketen längst überfällige Regulierungen angestoßen.

Entsprechend gibt es auf lokaler Ebene noch erheblich Luft nach oben, findet Haus. „Mittlerweile geht es nicht mehr nur darum, Abfälle zu managen, sondern auch zunehmend um Fragen der Vermeidung und Verwertung. Wir stehen noch am Anfang. Ich freue mich deshalb sehr, dass Frankfurt Zero Waste City werden möchte. Alles beginnt damit, dass man sich ein Ziel setzt, und bestenfalls ein ambitioniertes.“

Die Herausforderungen, um dieses Ziel zu erreichen, sind zahlreich. Die Themen Ressourcenmanagement und Kreislaufwirtschaft müssen laut Haus noch prominenter auf die politische Agenda gehoben werden. Nicht zuletzt die öffentliche Hand habe aus ihrer Sicht eine wichtige Vorbildfunktion und könne über den Hebel der öffentlichen Beschaffung entscheidende Weichen stellen. Die Wirtschaft reagiere auf soziale und politische Anreize.

Und Bürger*innen schauen bereits heute darauf, ob Unternehmen Abfälle vermeiden oder wie recylingfreundlich Verpackungen sind. Durch Regulierung, z. B. das Verbot mancher Einwegverpackungen oder auch die Novelle des Verpackungsgesetzes, mussten Unternehmen hier umdenken und neue Geschäftsmodelle – wie z. B. Unverpacktläden oder Mehrwegangebote – hatten eine klare Perspektive und wirtschaftlichen Nährboden.

„Ressourcen vermeiden, eine echte Kreislaufwirtschaft entwickeln, damit wir das große Ziel eines Zero-Waste-Frankfurt erreichen. Das geht nur, wenn Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft Kräfte bündeln und vor allem an einem Strang ziehen. Aber wenn wir das tun, können wir hier richtig was bewegen – und zum Vorbild für andere Städte in Deutschland, Europa und International werden. Ich freue mich darauf, daran mitzuarbeiten.“ Katrin Haus klingt zuversichtlich und beschwingt. Wir sind es nach unserem Gespräch ebenfalls.