Monokultur und massiver Einsatz von Pestiziden: Baumwollanbau in Kalifornien/USA
„Trinkwasserknappheit, die Austrocknung von Seen und Flüssen als Lebensader, Umwelt- und Menschenvergiftung durch Pestizide – all das geht auf das Konto der Baumwolle.“
Die Autor*in
Heidi Schmitt
Heidi Schmitt
Egal, ob mit ihrem italienischen Hund Panini oder als leidenschaftliche Läuferin: Heidi ist fast immer zu Fuß unterwegs. Die wilde Vermüllung von Grünflächen in ihrer Wahlheimat Frankfurt macht ihr dabei sehr zu schaffen. Mit alltäglichen Clean-up-Aktionen und der Tastatur hält die Bloggerin und Autorin dagegen. Ihr besonderes Interesse gilt außerdem innovativen Recyclingmethoden und verstecktem Elektroschrott in Dingen des Alltags.

Was ist nachhaltiger – Baumwolle oder Polyester?

„Was für eine Frage", werden Sie jetzt vielleicht denken, „Baumwolle natürlich! Ist schließlich eine Naturfaser!" Aber ist es wirklich so einfach? Tatsächlich zahlen wir für das Naturprodukt Baumwolle einen hohen Preis. Doch auch Polyester ist nicht unbedingt umweltfreundlich. Wir machen den direkten Vergleich.

Wie immer bei unserem Nachhaltigkeitscheck lassen wir Produkteigenschaften außen vor, die wenig oder nichts über die Nachhaltigkeit aussagen. In diesem Fall wären das etwa die Optik der Faser, der Tragekomfort oder die Trocknungseigenschaften der Textilien. Wir wollen wirklich nur wissen: Welches Material ist unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten das bessere?

Beliebt und nur selten „Bio“: Baumwolle

Die Gewinnung:

Baumwolle ist allgegenwärtig, selbst in kurzlebigen Produkten wie zum Beispiel Wattepads. Dazu passt nicht, dass ihre Gewinnung aus Sicht des Umweltschutzes kritisch zu sehen ist. Die Baumwollpflanze ist enorm anfällig für Schädlinge und Krankheiten. Entsprechend aufwendig ist ihr Anbau. In der Regel werden große Mengen Chemikalien eingesetzt, um die Ernte zu sichern. Kein anderes landwirtschaftliches Produkt wird so intensiv mit Pestiziden behandelt wie die Baumwolle. Einer der Gründe, weshalb hier häufig mit genmanipulierten Pflanzen gearbeitet wird. Ohne Chemie geht es dennoch nicht. Hinzu kommt ein enormer Wasserbedarf – der Verbrauch von virtuellem Wasser ist bei Baumwollkleidung auffallend hoch. Für ein Baumwoll-T-Shirt müssen laut den geringsten Schätzungen knapp 2.500 Liter Wasser eingesetzt werden – und zwar durch künstliche Bewässerung. Denn in regenreichen Gebieten gedeiht Baumwolle schlecht, da sie schnell verfault. Baumwollanbau verursacht in Folge erhebliche Umweltschäden. Trinkwasserknappheit, die Austrocknung von Seen und Flüssen als Lebensader, Umwelt- und Menschenvergiftung durch Pestizide – all das geht auf das Konto der Baumwolle. Dass häufig Kinder oder Zwangsarbeiter*innen für ihre Ernte eingesetzt werden, passt zur insgesamt verheerenden Umweltbilanz.

Gibt es „gute“ und „schlechte“ Varianten?

In weit weniger als der Hälfte der Länder, die Baumwolle anbauen, wird auch Bio-Baumwolle kultiviert. Sie hat gegenüber konventioneller Baumwolle viele Vorteile: ein geringerer Wasserverbrauch (bessere Böden durch Fruchtfolge, gezielter Einsatz von Regenwasser), keine Gentechnik, keine Chemikalien (gemischte Bepflanzung, Nutzen natürlicher Feinde von Schädlingen), Kleinbauern und bessere Arbeitsbedingungen statt großer Monopolisten. Dies alles darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Wasser- und Bodeneinsatz für den Anbau von Baumwolle noch immer sehr groß ist. Diese Ressourcen gehen auf Kosten der Lebensmittelproduktion. Trotz steigender Tendenz ist der Anteil von Bio-Baumwolle am Gesamtmarkt zudem verschwindend gering – nur etwa 1 % der weltweit gehandelten Baumwolle stammt aus biologischem Anbau.

Die Haltbarkeit:

Grundsätzlich können uns Baumwolltextilien viele Jahre Freude bereiten – sofern man beim Kauf auf entsprechende Qualität achtet. Klassische Blue Jeans können buchstäblich uralt werden, bei den meisten anderen Stücken kommt es auf die Verarbeitung und Qualität an. Baumwolltextilien – vor allem solche minderer Qualität – können bei der Wäsche leicht einlaufen und ihre Form verlieren, was ihre Lebensdauer verkürzt. Das Recycling: Textilien aus 100 % Baumwolle lassen sich theoretisch gut recyceln. Doch tatsächlich findet echtes Recycling (Aufbereitung der Fasern) kaum statt. Aus Altkleidersammlungen entstehen oft bestenfalls Dämmmaterial, Putzlappen oder Malevflies. Dafür verantwortlich ist auch der hohe Anteil an Mischgeweben – häufig wird Baumwolle ein geringer Anteil Kunstfaser (z. B. Elasthan) beigemischt, um mehr Formstabilität oder Stretcheigenschaften zu erhalten. Diese Beimischungen machen eine sortenreine Sortierung und ein Recycling zumindest nach heutigem Stand nahezu unmöglich.

Modern und vielseitig, aber aus Erdöl: Polyester

Die Gewinnung:

Um es schlicht auszudrücken: Polyester ist Plastik. Es wird aus Polyethylenterephthalat (PET) hergestellt und ist damit ein Produkt aus Erdöl, bei dessen Herstellung eine entsprechend große Menge CO2 frei wird. Für Modelabels ist das Material dennoch sehr attraktiv, denn es ist deutlich preiswerter als Baumwolle und lässt sich gut verarbeiten.

Gibt es „gute“ und „schlechte“ Varianten?

Polyester-Textilien, die aus recycelten Materialien stammen (z. B. PET-Flaschen) haben den Vorteil, dass bei ihrer Herstellung kein weiteres Erdöl eingesetzt werden muss. Doch der Energieeinsatz für recyceltes Polyester ist immer noch hoch – höher als bei der Produktion von Baumwolle. Die Berechnung der Umweltbilanz ist hier gar nicht so leicht – bezieht man die Werte des ursprünglichen Materials mit ein, schneidet Polyester in jedem Fall schlecht ab. Auch das Thema „Mikroplastik“ verdient in diesem Zusammenhang Aufmerksamkeit. Zwar landen recycelte PET-Flaschen nicht in den Weltmeeren – über Umwege verschmutzen sie jedoch trotzdem die Gewässer. Eine Studie der Plymouth University in UK aus dem Jahr 2016 besagt, dass durch Abrieb mit jedem Waschgang von Kunstfasertextilien mehr als 700.000 Acrylfasern ausgespült werden. Leider sind ausgerechnet Textilien aus Recyclingmaterialien besonders anfällig für hohen Abrieb. Deshalb empfiehlt sich für Kunstfasertextilien die Anschaffung eines speziellen Waschbeutels, der kleinste Fasern abfangen kann. Zur Umweltbelastung durch Mikroplastik kommt der Einsatz von Chemie, um bei der recycelten Faser die gewünschte frische Farbigkeit zu erreichen. Das alles zeigt in Bezug auf Recyclingtextilien, dass „besser“ nicht dasselbe ist wie „gut“.

Die Haltbarkeit:

Polyester ist sehr formbeständig, elastisch und reißfest. Auch die Farben waschen sich kaum aus, die Textilien verblassen nicht. Darin ist Polyester Baumwolle überlegen. Allerdings lassen sich bei Kleidungsstücken aus Polyester häufiger gezogene Fäden finden, auch Pilling (kleine Faserknötchen) ist ein typisches Polyester-Phänomen, das Textilien unansehnlich machen kann. Besitzer*innen von Sportbekleidung aus Polyester kennen einen weiteren Nachteil: Manche Polyester-Textilien können mit der Zeit zu müffeln beginnen, Schweißgeruch entwickelt sich schnell und lässt sich mit der Wäsche nur unzureichend entfernen. Polyester kann nur bei niedrigen Temperaturen gewaschen werden, so können auch hygienische Gesichtspunkte oder hartnäckige Flecken zu einer geringeren Haltbarkeit führen.

Das Recycling:

Polyestertextilien lassen sich gut recyceln, vor allem, wenn sie zu 100 % aus Polyester bestehen. Allerdings findet ein Downcycling statt – die neue Faser hat nicht mehr die gleiche Qualität wie die Ursprüngliche. Für eine erneute Verarbeitung muss wieder frische Faser beigemischt werden.

Fazit:

Unser Vergleich zeigt: Im Sinne der Umwelt gibt es keinen strahlenden Sieger. Sowohl Baumwolle als auch Polyester sind per se nicht nachhaltig. Am besten schneidet noch die Bio-Baumwolle ab. Da ihr Anteil am Weltmarkt verschwindend gering ist, sollten Sie beim Kauf auf Zertifizierungen achten, um sicherzugehen, dass es sich tatsächlich um Bio-Baumwolle handelt. Bei beiden Materialien gilt: 100 % Reinheit ist besser als Mischgewebe, da dies ein Recycling ermöglicht. Wer wirklich nachhaltige Mode sucht, achtet am besten nicht nur auf darauf spezialisierte Anbieter, sondern auch auf die Zeitlosigkeit des Designs und die Qualität der Verarbeitung. Denn nichts ist so nachhaltig wie die Klamotten, die viele Jahre getragen werden. In diesem Sinne ist auch der Trend „Second Hand“ immer eine großartige Idee: Er sorgt für Abwechslung im Kleiderschrank und verlängert das Leben unserer Kleidung – ganz gleich, aus welchem Material sie hergestellt wurde.

Mehr Infos:

Einen tollen und ausführlichen Beitrag zum aktuellen Stand des Textilrecyclings in Deutschland finden Sie beim Deutschlandfunk (zum Hören oder Lesen).